Thorweg 2

Vom Gesicht und Räthsel (Zarathustra III)

1. ....euch allein erzähle ich das Räthsel, das ich sah, das Gesicht des Einsamsten. —

Düster gieng ich jüngst durch leichenfarbne Dämmerung, — düster und hart, mit gepressten Lippen. Nicht nur Eine Sonne war mir untergegangen. Ein Pfad, der trotzig durch Geröll stieg, ein boshafter, einsamer, dem nicht Kraut, nicht Strauch mehr zusprach: ein Berg-Pfad knirschte unter dem Trotz meines Fusses. Stumm über höhnischem Geklirr von Kieseln schreitend, den Stein zertretend, der ihn gleiten liess: also zwang mein Fuss sich aufwärts.

Aufwärts: dem Geiste zum Trotz, der ihn abwärts zog, abgrundwärts zog, dem Geiste der Schwere, meinem Teufel und Erzfeinde. Aufwärts: obwohl er auf mir sass, halb Zwerg, halb Maulwurf; lahm; lähmend; Blei durch mein Ohr, Bleitropfen-Gedanken in mein Hirn träufelnd. „Oh Zarathustra, raunte er höhnisch Silb' um Silbe, du Stein der Weisheit! Du warfst dich hoch, aber jeder geworfene Stein muss fallen! Oh Zarathustra, du Stein der Weisheit, du Schleuderstein, du Stern-Zertrümmerer! Dich selber warfst du so hoch, aber jeder
geworfene Stein muss fallen! Verurtheilt zu dir selber und zur eignen Steinigung: oh Zarathustra, weit warfst du ja den Stein, aber auf dich wird er zurückfallen!“

Drauf schwieg der Zwerg; und das währte lange. Sein Schweigen aber drückte mich; und solchermaassen zu Zwein ist man wahrlich einsamer als zu Einem!

Ich stieg, ich stieg, ich träumte, ich dachte, aber alles drückte mich. Einem Kranken glich ich, den seine schlimme Marter müde macht, und den wieder ein schlimmerer Traum aus dem Einschlafen weckt. —

Aber es giebt Etwas in mir, das ich Muth heisse: das schlug bisher mir jeden Unmuth todt. Dieser Muth hiess mich endlich stille stehn und sprechen „Zwerg! Du! Oder ich!“ —

Muth nämlich ist der beste Todtschläger, Muth, welcher angreift: denn in jedem Angriffe ist klingendes Spiel. Der Mensch aber ist das muthigste Thier: damit überwand er jedes Thier. Mit klingendem Spiele überwand er noch jeden Schmerz; Menschen-Schmerz aber ist der tiefste Schmerz. Der Muth schlägt auch den Schwindel todt an Abgründen: und wo stünde der Mensch nicht an Abgründen! Ist Sehen nicht selber Abgründe sehen? Muth ist der beste Todtschläger: der Muth schlägt auch das Mitleiden todt. Mitleiden aber ist der tiefste Abgrund: so tief der Mensch in das Leben sieht, so tief sieht er auch in das Leiden. Muth aber ist der beste Todtschläger, Muth, der angreift: der schlägt noch den Tod todt, denn er spricht: „War das das
Leben? Wohlan! Noch Ein Mal!“

In solchem Spruche aber ist viel klingendes Spiel. Wer Ohren hat, der höre. —

2. „Halt! Zwerg! sprach ich. Ich! Oder du! Ich aber bin der Stärkere von uns Beiden —: du kennst meinen abgründlichen Gedanken nicht! Den könntest du nicht tragen!“ —

Da geschah, was mich leichter machte: denn der Zwerg sprang mir von der Schulter, der Neugierige! Und er hockte sich auf einen Stein vor mich hin. Es war aber gerade da ein Thorweg, wo wir hielten. „Siehe diesen Thorweg! Zwerg! sprach ich weiter: der hat zwei Gesichter. Zwei Wege kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu Ende. Diese lange Gasse zurück: die währt eine Ewigkeit. Und jene lange Gasse hinaus das ist eine andre Ewigkeit. Sie widersprechen sich, diese Wege; sie stossen sich gerade vor den Kopf: und hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen. Der Name des Thorwegs steht oben geschrieben „Augenblick“.

Notes:

a) this doorway, following the model of the doorway of Dante, has a description written over it.

b) Nietzsche writes: "Zwei Wege kommen hier zusammen: die gieng noch Niemand zu Ende." What is at stake in the way towards and the ways within the gigantomachia, is nothing less than the constitution of the self. This is, therefore, nothing that the self does or even that is done to the self. It is done instead by and to....nobody. The role of this nobody from Odysseus and the cyclops to Joyce's Wake and Beckett's Unnamable will therefore need careful description here. Suffice it to note for now what Heidegger observes in the important section 40 of SZ:

Die Angst vereinzelt und erschießt so das Dasein als „solus ipse“. Dieser existenziale „Solipsismus“ versetzt aber so wenig ein isoliertes Subjektding in die harmlose Leere eines weltlosen Vorkommens, daß er das Dasein gerade in einem extremen Sinne vor seine Welt als Welt and damit es selbst vor sich selbst als In-der-Welt-sein bringt.
The way to the question of world and self is made by nobody.

c) Nietzsche describes the doorway as having „zwei Gesichter, zwei Wege“. But in fact there are three possibilities here. There are the two which run away from each other into their own Ewigkeiten and therefore only widersprechen sich. Then there is the possibility of the doorway itself (standing as it does between, that is separating and joining, different regions of being). Here the two seemingly only contradictory ways „stossen sich gerade vor den Kopf: und hier, an diesem Thorwege, ist es, wo sie zusammen kommen“. Nietzsche was unable to guess the riddle that the way of the zusammen is just as fundamental as the ways of contradiction. He was unable to see the child - even though he himself identified exactly this third possibility in Zarathustra itself: „Drei Verwandlungen nenne ich euch des Geistes: wie der Geist zum Kameele wird, und zum Löwen das Kameel, und zum Kinde zuletzt der Löwe.“ (Von den drei Verwandlungen, Zarathustra I)

After citing Nietzsche's „Leib bin ich ganz und gar“ from Zarathustra I.4, Heidegger comments on Nietzsche's inability to see the third possibility of the gigantomachia as follows: „außer rationalitas und animalitas gibt es metaphysisch kein Drittes und Anderes.“ (GA, 48, S 276)

June 16, 2004 in Nietzsche, Space of the door | Permalink